„Grüne Brennnesselblätter in der Natur

Vor der Brennnessel zieh den Hut

August 12, 2026

Könnt ihr euch auch noch so gut daran erinnern? Nach irgendwelchen Abenteuern als Kind kam man nach Hause und die Beine waren voller Brennnessel-Pusteln. Ach, wie hat das gebrannt. „Du musst einfach die Luft anhalten, wenn du sie berührst.“ Wer auch immer diesen Tipp erfunden hat: Danke für nichts.

“Vor der Brennnessel zieh den Hut”, sagt ein alter Spruch

Als Kind hätte ich darauf vermutlich geantwortet: Vor der Brennnessel rennst du besser davon. Heute verstehe ich langsam, warum man vor dieser Pflanze durchaus den Hut ziehen darf.

Lange war die Brennnessel für mich vor allem genau das: eine Pflanze, in die man besser nicht reinläuft. Heute sehe ich sie mit ganz anderen Augen.

Seit einiger Zeit beschäftigt mich wieder stärker, wie ich meinem Körper etwas Gutes tun kann. Nicht mit irgendeinem riesigen Selbstoptimierungsprogramm. Sondern mit kleinen Dingen, die sich einfach in meinen Alltag integrieren lassen. Mehr rausgehen. Wieder bewusster wahrnehmen, was direkt vor unserer Haustür wächst. Mich mit Pflanzen beschäftigen. Und wieder regelmässiger Kräutertee trinken.

Ganz oben auf meiner Liste steht momentan: Brennnesseltee. Und je mehr ich mich wieder mit dieser Pflanze beschäftige, desto faszinierender finde ich sie.

Eine kleine Nährstoffbombe direkt vor unserer Haustür

Die Brennnessel wird so oft als Unkraut abgetan, dabei steckt erstaunlich viel in ihr. Ihre Blätter enthalten unter anderem Eisen, Kalium, Calcium und Kieselsäure sowie verschiedene sekundäre Pflanzenstoffe wie Flavonoide und Carotinoide. Dazu kommt jede Menge Chlorophyll, dem sie ihre wunderschöne tiefgrüne Farbe verdankt. Vor allem die jungen Blätter könne nauch in der Küche verwendet werden. Als Tee kennt sie vermutlich fast jeder. Aber Brennnesseln lassen sich genauso in Suppen, Pestos oder anderen grünen Gerichten verarbeiten. Und nein, man muss dabei nicht tapfer kauend die brennenden Blätter herunterschlucken. Durch die entsprechende Verarbeitung verlieren die Brennhaare ihre Wirkung.

Die Brennnessel in der Pflanzenheilkunde

Die Brennnessel begleitet uns als Heilpflanze schon sehr lange. Besonders bekannt sind die Blätter und das Kraut im Zusammenhang mit den Harnwegen und der Ausscheidung. Brennnessel wird traditionell gerne als durchspülende Pflanze eingesetzt und ist deshalb Bestandteil vieler Kräuter- und Blasentees. Auch im Zusammenhang mit Gelenken und Beweglichkeit hat sie in der Pflanzenheilkunde ihren Platz.

Spannend finde ich ausserdem ihren Eisengehalt. Gerade weil Eisen für unseren Körper eine wichtige Rolle spielt, begegnet einem die Brennnessel immer wieder als stärkende und nährende Wildpflanze.

Für mich ist das sowieso etwas Faszinierendes an Heil- und Wildpflanzen: Wir laufen teilweise täglich an ihnen vorbei, reissen sie aus unseren Gärten oder nennen sie Unkraut – und wissen gar nicht mehr, was da eigentlich alles wächst.

Brennnessel für Haut und Haare

Auch hier taucht die Brennnessel immer wieder auf. Vielleicht kennst du sogar noch Brennnessel-Haarwasser von früher. Auszüge aus Brennnesselblättern und -wurzeln werden schon lange für die Pflege von Kopfhaut und Haaren verwendet und finden sich bis heute in verschiedenen pflanzlichen Haarpflegeprodukten.

Gerade diese Verbindung gefällt mir: Eine Pflanze nicht nur als Tee zu trinken oder zu essen, sondern zu sehen, wie vielseitig sie eingesetzt werden kann.

Warum ich gerade wieder Brennnesseltee trinken möchte

Ich merke momentan, dass ich wieder etwas bewusster auf mich achten möchte. Seit ich Mama bin, richtet sich verständlicherweise sehr viel Aufmerksamkeit auf einen anderen kleinen Menschen. Und irgendwo dazwischen möchte ich wieder kleine Dinge finden, mit denen ich auch mir selbst etwas Gutes tue. Einfach wieder ein bisschen bewusster. Und irgendwie gehört für mich gerade eine Tasse Brennnesseltee dazu. Sie entwässert, spendet mir Eisen und hilft mir im besten Fall bei meinen Knie- und Fussschmerzen (Gelenke). Wasser aufkochen. Tee ziehen lassen. Hinsetzen. Trinken. Eigentlich nichts Spektakuläres.

Aber da ist noch etwas anderes

Je länger ich mich mit der Brennnessel beschäftige, desto mehr fasziniert mich nämlich nicht nur, was in ihr steckt, sondern auch ihr Wesen. Eine Brennnessel entschuldigt sich nicht dafür, dass sie da ist. Sie wächst. Sie breitet sich aus. Sie steckt voller Nährstoffe, schenkt uns Nahrung und wird seit Generationen als Heilpflanze genutzt. Und gleichzeitig ist ziemlich schnell klar, wenn man ihr zu nahe kommt: Bis hierhin und nicht weiter. Ich mag diesen Widerspruch. Oder vielleicht ist es gar keiner. Denn die Brennnessel ist nährend und wehrhaft zugleich. Sie gibt unglaublich viel und schützt sich trotzdem. Und wenn ich so darüber nachdenke, passt sie damit ziemlich gut zu dem, was mich mit Essenza della Donna beschäftigt.

Wir müssen uns nicht zwischen Sanftheit und Stärke entscheiden. Wir müssen nicht weniger Raum einnehmen, damit es für andere angenehm bleibt. Und wir müssen auch nicht ständig geben, ohne unsere eigenen Grenzen zu spüren. Vielleicht ist es genau das, was mich gerade so an dieser Pflanze fasziniert. Und vielleicht denke ich bei meiner nächsten Tasse Brennnesseltee ein kleines bisschen daran.

Die Brennnessel nährt – und sie wehrt sich. Je mehr ich über die Brennnessel lerne, desto mehr verstehe ich diesen alten Spruch. “Vor der Brennnessel zieh den Hut.” Für all das, was in ihr steckt. Aber auch ein kleines bisschen für ihre Art.

Sie nährt – und sie wehrt sich. Irgendwie mag ich sie dafür ziemlich gerne.

Deine Rahel